Reamping

Reamping

Vorwort:

In meinem Artikel beziehe ich mich ausschließlich auf meine eigenen und den Erfahrungen aus meinem näherem Umfeld. Das heißt, dass der Artikel keinen Anspruch darauf erhebt vollkommen zu sein. Er soll lediglich den Anreiz geben, sich vielleicht selber einmal mit diesem Thema auseinanderzusetzen, falls man dies nicht eh bereits getan hat. Denn gerade das "Reamping" ist eine Methode, die dem Toningenieur unzählig neue Wege zur Erstellung eines guten und modernen Gitarrensounds eröffnet und ihm in seinem Tun weitaus flexibler macht.

Einleitung:

Die meisten Toningenieure, die heutzutage in der Musikbranche tätig sind, greifen bei der Erstellung Ihrer Gitarrensounds vermehrt auf die Methode des Reamping zurück. Beim Reamping wird das trockene Gitarrensignal, welches in der Regel nur mit einer DI-Box oder direkt über das Soundinterface aufgenommen wurde, erst im Anschluss durch einen Verstärker geschickt. Das bedeutet, dass der Toningenieur viel freier in der Auswahl des letztendlichen Gitarrensounds ist und nicht an einen bereits vorgegebenen Gitarrensound gebunden ist.

Der Tontechniker hat durch das Reamping die Möglichkeit den Gitarrensound seiner Produktion exakt auf seine Bedürfnisse abzustimmen. In den guten alten Tagen, wo man noch auf analoge Bandmaschinen aufgenommen hat, wurde der Gitarrensound normalerweise direkt mit zwei Mikrofonen von der Ampbox abgenommen. Der Grundsound war sozusagen direkt in Stein gemeißelt und konnte anschließend nur noch mit den üblichen Effekten wie Kompressor, EQ, Hall, Delay, etc. bearbeitet werden. Die Grundcharakteristik konnte jedoch nicht mehr verändert werden.

Dies wiederum führte dann gelegentlich dazu, dass der Gitarrensound für sich allein genommen zwar gut klang, aber sich im Gesamtkontext an der ein oder anderen Stelle nicht optimal einpasste. Ein weiterer wichtiger Vorteil vom Reamping ist auch die Zeitersparnis bei der Recordingsession! Jeder der schon mal einen Gitarristen live aufgenommen hat, weiß sicherlich wovon ich rede.....da werden unzählige Verstärkereinstellungen probiert und ständig Diskussionen über den Sound geführt. Ich selber habe Sessions hinter mir, wo alleine das Einrichten der Gitarre einen Tag gedauert hat weil sich der Herr Gitarrist mit seinem Sound nicht "wohlgefühlt" und es auch nicht verstanden hat, dass es hier primär um eine Aufnahme und nicht seinem persönlichem Wohlgefühl geht. Außerdem kostet die unnötig vertane Studiozeit ja sein Geld und nicht meins.

Durch das Reamping ist es also möglich, dem Gitarristen sein Wohlgefühl beim Einspielen zu geben und gleichzeitig ein Signal zu erhalten, dass man im Anschluss frei nach Belieben bearbeiten kann.

Unterschiede:

Der Toningenieur greift beim Reamping in der Regel auf zwei unterschiedliche Methoden zurück:

a) Reampen mit Hilfe eines Gitarrenverstärkers bzw. Topteil und Box

b) Reampen mit Hilfe eines Modellers bzw. eines entsprechenden Plug-Ins

Was ist ein Modeller?:

Ein Modeller ist ein Hardwaregerät oder eine Software in Form eines Plug-Ins, deren Aufgabe darin besteht, einen Gitarrenverstärker digital zu simulieren. Die gängigsten Modeller beinhalten meist schon ab Werk die Simulationen der bekanntesten Gitarrenverstärker wie z. B. Marshall JCM 800, Mesa Boogie Rectifier, Fender Twinreverb, etc. Weiterhin verfügt der Modeller über diverse Effekte und so genannte Boxen- und Cabinetsimulationen, die sich dann wiederum mit jedem Verstärkermodel kombinieren lassen. Hier erkennt man also schon die unzähligen Möglichkeiten, die sich hier eröffnen. Und meist auch noch im handlichen Format.

Modeller, gleich ob Hard- oder Software, gibt es mittlerweile in allen Qualitäts- und Preisklassen. Preiswerte Hardware-Modeller sind zum Teil schon für unter 100,- € (z. B. Behringer V-Amp) zu haben, wohingegen man für qualitativ hochwertige Modeller auch gerne mal 1000,- € und mehr auf den Tisch legen kann (z. B. Kemper Profiling Amp oder AXE-FX). Bei den Software-Modellern bewegt man sich mehr oder weniger in einem Preisrahmen von 40,- € bis etwa 200,- €. Es gibt jedoch auch relativ viele Modeller als Freeware zum downloaden (z. B. Le Pou). Wie immer sollte man sich also, wenn man vor einer Kaufentscheidung steht, die kostenlosen Trialversionen der jeweiligen Modeller runterladen und ausprobieren. Wenn man sich dann ein Gesamtbild geschaffen hat, fällt die endgültige Wahl etwas leichter und man wird vor etwaigen Enttäuschungen verschont. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich drei unterschiedliche Software-Modeller empfehlen:

a) "BIAS Desktop" der Firma Positive Grid (174,- $)

b) "GTR 3" der Firma WAVES (149,- €)

c) "Guitar Rig 5 Pro der Firma NATIVE INSTRUMENTS (179,-€)

Ich persönlich greife beim Reamping in der Regel auf die oben genannten Software Plug-Ins zurück, wobei ich gelegentlich auch mit meinem Top+Box (KITTY HAWK Junior 120 W + KITTY HAWK 4x12" Mahagonibox) reampe. Da hier jedoch der technische Aufwand wesentlich höher ist und man dafür auch die entsprechenden Räumlichkeiten benötigt, benutze ich überwiegend die Softwarevariante. Bei der Softwarevariante hat man in der Regel auch nochmals einiges mehr an Einstellungsmöglichkeiten als bei einem Hardware-Modeller. Letztendlich entscheidet aber auch hier wie so oft der persönliche Geschmack.

Wie funktioniert Reamping?:

Reamping via Software:

Das Reamping via eines Software-Plug Ins ist im Grunde kein Hexenwerk und von Jedermann zu bewerkstelligen. Wohingegen das Reamping via Verstärker technisch etwas aufwendiger ist, da hier mikrofoniert und verkabelt werden muss. Das Grundprinzip ist jedoch bei beiden Methoden, software- wie hardwaretechnisch, identisch.

Zuerst benötigt man ein unbearbeitetes und cleanes Gitarrensignal. Ich persönlich gehe da so vor, dass ich mit meiner Gitarre direkt in den Instrumenteneingang meines Soundinterfaces gehe. In meiner DAW habe ich dafür einen entsprechenden Eingangskanal eingerichtet, wo ich bereits das Gitarrensignal mit etwas EQ und Kompressor bearbeite. Der Eingangskanal wird dann auf die entsprechende Aufnahmespur geroutet.

In der "Insert"-Kette der Aufnahmespur habe ich dann bereits meinen favorisiertes Modelling Plug In geladen und entsprechend meiner Wünsche eingestellt. Bei dem eingestellten Sound handelt es sich bei mir grundsätzlich um meinen persönlichen Wohlfühlsound, der aber in der Regel nicht der endgültige Gitarrensound der Produktion sein wird, da er bereits mit diversen Effekten versehen ist.

Anschließend nehme ich die Gitarre ganz normal mit dem ausgewählten Sound auf. Da der Modeller jedoch "nur" ein Inserteffekt ist, nimmt die DAW auch nur den reinen cleanen Sound auf und legt erst im Anschluss das Modelling auf die Spur. Somit habe ich also die für Reamping benötigte cleane Gitarrenspur, musste aber beim Aufnehmen selber keine soundtechnischen Kompromisse eingehen.

Nun kann ich mir in Ruhe überlegen, welcher Gitarrensound im Gesamtkontext der Produktion am Besten zum tragen kommt. Passt ein crunchiger Sound letztendlich besser als ein verzerrter Sound oder vielleicht doch lieber ein moderner High-Gain Sound? Dadurch, dass der Modeller als Inserteffekt eingebunden wurde, habe ich im Nachhinein alle Freiheiten der Welt, was den Gitarrensound angeht. Komme ich zu dem Entschluss, dass letztendlich vielleicht doch besser ein anderes Plug-In zur Verwendung kommen soll, kann ich dies einfach austauschen.

Reamping via Hardware:

Die ersten Schritte, also die Aufnahme der cleanen Gitarrenspur, ist identisch wie bei der Softwarevariante.

Im Vorfeld habe ich bereits mein Stack aufgebaut und entsprechend mikrofoniert. Die Gesamte "Konstruktion" richte ich in meiner DAW als externen Effekt ein. Auf spezifische Einrichtungshinweise und Mikrofonangaben verzichte ich hier mal bewusst, da das Einrichten von DAW zu DAW unterschiedlich ist und beim Thema "Mikrofone" eh jeder seine eigenen Vorlieben hat.

Somit jage ich das cleane Gitarrensignal also über den externen Effekt, wo es dann zum Topteil läuft, an die Box weitergegeben wird und schließlich das Mikrofonsignal zurück zur DAW geleitet wird. Hierfür benötigt man natürlich entsprechende IN/Out Kanäle an seinem Interface!

Der Nachteil beim Reamping über einen Verstärker wird hier schon deutlich. Ich benötige Mikrofone, Kabel, Ständer und vor allen Dingen einen akustisch abgeschirmten Raum, da ein Röhrenverstärker im Regelfall eine ordentliche Lautstärke fahren muss, bis die Röhrensättigung einsetzt. Daher kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass Reamping via Hardware in den eigenen vier Wänden zwar die Kommunikation mit dem Nachbarn fördert aber wiederum ein friedliches Zusammenleben verhindert! Diese Methode ist also eigentlich für diejenigen interessant die ein eigenes Studio mit entsprechenden Räumlichkeiten oder Zugriff auf ein Solches haben. Für den Heimgebrauch sollte man daher vielleicht eher auf die Softwarevariante oder einer weiteren Variante des Reampings zurück greifen. Der Vorteil allerdings ist, dass ein richtiger Amp letztendlich schon einen anderen Sound zum Vorschein bringt, als ein Plug-In. Auch wenn diese mittlerweile schon z. T. einen hervorragenden Sound liefern, aber Röhre klingt nun mal in Natura anders als eine digitale Simulation.

Bei der weiteren Variante handelt es sich um eine Kombination aus den beiden anderen Methoden. Hard- und Software werden miteinander kombiniert! In der Praxis kann das so aussehen, dass nur das Topteil (insofern es über die entsprechenden Anschlüsse verfügt) als externer Effekt verwendet wird und anstatt einer Box eine Boxen- und Cabinetsimulation, die in den meisten Modelling Plug-Ins enthalten ist, zum tragen kommt. Hier hat man also den Vorteil, dass man über sein geliebtes Topteil reampen kann ohne dass es Stress mit dem näheren Umfeld gibt.

Nachwort:

Ich hoffe, dass ich Euch mit diesem Artikel die unzähligen Möglichkeiten und Vorteile des Reamping näher bringen konnte. Weiterhin freue und bedanke ich mich, dass Ihr bis hierhin schon gelesen habt. Vielleicht probiert Ihr es auch einfach mal selber aus? Wenn ja, wünsche ich Euch schon mal viel Spass dabei!

 

In diesem Sinne:"Rock 'n' Roll, Baby!....."

Gruß,

Marcus

Text copyright by Marcus Kneidl 2012

Joomla templates by a4joomla